Alltag im besetzten Land – Teil 2

24. Januar 2025

Ich besuche derzeit jede Woche von Montag bis Donnerstag einen Arabisch-Kurs an der Bethlehem University. Deshalb kam ich erst am Wochenende wieder in Jericho an. Da wurde mir von einem Vorfall am vergangenen Mittwoch erzählt.

Untertags fuhr eine größere Anzahl von israelischen Militärfahrzeugen mit vielen Soldaten auf den Hauptplatz von Jericho.Dort hielten sie an, ließen ihre Fahrzeuge stehen und schwärmten in die umliegenden Straßen aus. Einige Kinder umringten die unbewachten Militärautos. Als die Soldaten zurückkamen und das sahen, begannen sie wild um sich zu schießen. Das Schießen war weitum zu hören und verbreitete Angst und Schrecken. Verletzt wurde aber anscheinend niemand.

Nishan kam gerade aus der Schule, hörte die Schüsse und fuhr verängstigt mit dem Fahrrad so schnell wie möglich nach Hause. Narineh hatte noch Unterricht. In ihrer Schule wurden sofort alle Eingänge zugesperrt. Die Schülerinnen und Schüler mussten in der Schule bleiben, bis das Militär abgezogen war. Es gab aufgeregte Telefonate zwischen Eltern und Lehrer:innen. Einige Zeit später kamen wieder Soldaten in die Stadt und die Eltern ließen ihre Kinder aus Angst vor ihnen nicht aus dem Haus. Wieder gab es Telefonate zwischen den Familien.

Als wir in Nishans Schule eine Besprechung mit dem Schulleiter hatten, habe ich mitbekommen, dass dieser Vorfall noch allgemeines Stadtgespräch war. Die Menschen hier leben täglich mit der Furcht, dass etwas Schlimmes geschehen könnte.

6. Februar 2026

Als ich gestern in Jericho ankam, erfuhr ich, dass vor einigen Tagen ein junger Mann auf einer der Hauptstraßen vom israelischen Militär erschossen wurde. Milad und Nishan waren gerade in der Stadt und hörten die Schüsse. Anscheinend war davor nicht Besonderes vorgefallen, es gab keine Demonstration und es war ruhig in Jericho. Und wieder wurde gesagt, dass es derartige Vorfälle im Norden des Westjordanlandes schon länger gab, dass diese Eskalation hier aber erst in den letzten Monaten stattfand. Das gesamte Westjordanland ist zu einer Region willkürlicher und unkontrollierter Gewalt geworden.

Neben dem tiefen Mitgefühl für das Leiden der Palästinenser denke ich auch an die Konsequenzen für die Zukunft Israels. Was wird daraus werden, wenn eine ganze Generation junger Menschen in ihrem dreijährigen Militärdienst auf diese Weise sozialisiert wird?

Rainald Grugger